Heiligkreuztaler Erklärung / pax christi Rottenburg-Stuttgart

Friedensstifter:innen statt Panzerhaubitzen – den Ukraine-Krieg beenden!

Im Rahmen der Diözesanversammlung von pax christi Rottenburg-Stuttgart vom 15. bis 17.07.2022
verabschiedeten die Teilnehmer:innen die Heiligkreuztaler Erklärung:
Entsetzt und voller Trauer über die Opfer des Krieges gegen die Ukraine sucht der pax christi Diözesanverband Rottenburg-Stuttgart nach Friedensstifter:innen in Kirche und Politik. Sie müssen dringend helfen, den Krieg zu beenden.
Panzerhaubitzen, Flakpanzer und Mehrfachraketenwerfer verlängern das Töten und bringen unkalkulierbare Risiken bis zu einem Einsatz von Atomwaffen für den weiteren Verlauf des Konflikts mit sich. Wir unterstützen die Vorschläge aus Italien und aus den Vereinten Nationen für ein Friedensabkommen mit den Komponenten Waffenstillstand, Neutralität der Ukraine, laufende Verhandlungen über die Krim und den Donbas sowie multilaterale Verhandlungen innerhalb der OSZE und zwischen Russland und der NATO über regionale Sicherheitsvereinbarungen. Die USA, die Europäische Union, die Türkei, China und andere Länder sollten beiden Seiten helfen, sich in einem ausgehandelten Friedensabkommen sicher zu fühlen. Für die Ukraine bedeutet Sicherheit, dass auf ein Friedensabkommen keine erneuten russischen Drohungen oder Übergriffe folgen werden.
Für Russland bedeutet Sicherheit, dass auf den Rückzug aus der Ukraine keine Aufnahme in die NATO und keine schwere Bewaffnung in der Ukraine folgen werden.
Von den Medien fordert pax christi, dass sie ihre Verantwortung erkennen und statt zur Eskalation beizutragen, Friedensbemühungen fördern. Wir akzeptieren nicht, dass nur in militärischen Kategorien gedacht wird und erwarten, dass unsere Forderungen für ein Ende von Waffenlieferungen und Krieg Platz haben.
Zahlreiche Konflikte konnten dadurch konstruktiv bearbeitet werden, dass es Gespräche zwischen Aggressoren und ihren Opfern gab, die man zuvor nicht für möglich gehalten hätte.
Wenn nicht verhandelt wird, könnte der Krieg nach weiteren Eskalationsstufen als eingefrorener Konflikt enden, während die westlichen Sanktionen gegen Russland in Kraft bleiben würden. Die Sanktionen würden zu einem Rückgang des Welthandels und der menschlichen Entwicklung weltweit einschließlich Deutschlands führen. Waffen und militärisches Personal würden auch weiterhin von außen in die Ukraine strömen.
Der pax christi Diözesanverband Rottenburg-Stuttgart sieht die Vereinten Nationen, aber vor allem die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), in der sowohl die USA als auch Russland Mitglied sind, als
mögliche Plattformen für Friedensverhandlungen. Die internationalen Krisen wie Armut, Klima, Gesundheit erfordern die Mitwirkung aller Staaten, auch Russlands.
pax christi Rottenburg-Stuttgart begrüßt die humanitären Hilfen für die Ukraine, für Flüchtlinge und Verletzte, die Unterstützung für Deserteure und Kriegsdienstverweigerer, die EU-Beitrittsperspektive für die Ukraine und Hilfen für
den Wiederaufbau nach dem Krieg. Wir bitten unsere Mitglieder und alle Menschen, die Kontakte zu Menschen in der Ukraine, Belarus und Russland haben, diese weiter zu pflegen und dadurch selber zu Friedensstifter:innen zu werden.
Wir teilen die Sicht von Romano Prodi u.a., dass Russlands Differenzen mit der Ukraine und mit der NATO durch Verhandlungen hätten beigelegt werden sollen. Wir fordern die Einhaltung des Völkerrechts.
Wir bitten Papst Franziskus, den Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, und andere angesehene Friedensstifter:innen sich bereitzuhalten. Politiker:innen, die das Risiko eingehen, Verhandlungen zu suchen, verdienen Unterstützung. Politiker wie Ministerpräsident Mario Draghi, der vor kurzem die italienischen Friedensvorschläge unterbreitet hat, und Politiker:innen, die zögern, Waffen in diesen Krieg zu liefern, verdienen unsere große Anerkennung.Vertrauen muss mühsam wieder aufgebaut werden. Hier sieht pax christi zunächst die Kirchen in der Pflicht, dass sie ihre Kontakte zu allen Kirchen in der Ukraine, in Belarus und Russland nicht aufgeben und so Gesprächsfäden erhalten, aus denen wieder Vertrauen erwachsen kann. Voraussetzung hierfür ist, dass die Kirchen unabhängig von einseitigen politischen Interessen nach gemeinsamen Ansätzen suchen. „Allen Menschen guten Willens ist hier eine große Aufgabe gestellt: unter dem Leitstern der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der
Liebe und der Freiheit in der menschlichen Gesellschaft neue Wege der gegenseitigen Beziehungen zu finden“, heißt es in der Papst-Enzyklika Pacem in Terris (1963). Solche Beziehungen sind nicht nur zwischen Russland und der
Ukraine erforderlich, sondern auch zwischen Russland, den USA und der Europäischen Union.
Die Kirchen und wir als pax christi sind der biblischen Botschaft verpflichtet, nach der Gott auf der Seite derer steht, die Frieden stiften, keine Gewalt anwenden und die im Vertrauen auf Gottes Beistand ohne Waffen auf den Feind zugehen.

Diese Haltung zu stärken und Wege der Deeskalation zu suchen, statt der Verzweiflung des Krieges zu verfallen, ist das Gebot der Stunde.