Kolping: Sorge um die Sendung der Kirche

Das Kolpingwerk Diözesanverband Rottenburg-Stuttgart solidarisiert sich mit Reformbewegungen

"Als traditionsreicher katholischer Verband mit rund 12.000 Kolpinggeschwistern, sind wir in Sorge um die Sendung der Kirche in der Welt von heute. Als Diözesanvorstand des Kolpingwerks Rottenburg-Stuttgart solidarisieren wir uns deshalb mit:
- den Forderungen des Synodalen Weges
- dem Anliegen der Bewegung Out in Church. Für eine Kirche ohne Angst
- dem Anliegen des Konzils von unten
- der Bewegung Maria 2.0
Diese Bewegungen machen sich zum Anliegen, die weitreichenden Reformen, die in der katholischen Kirche anstehen, zu unterstützen und zu stärken. Eine moderne Sexualmoral, die in einer Beziehungsethik und nicht in einer Fortpflanzungsethik ihre Begründung findet, die Öffnung aller sakramentalen Ämter für Frauen, die Aufhebung des Pflichtzölibates für Priester und einen neuen Umgang mit dem Thema Macht und Hierarchie in der Kirche sowie Geschlechtergerechtigkeit sind längst überfällig. Der Wandel muss in der Kirche endlich konkret werden. Um mit Adolph Kolping zu sprechen: Es geht nicht um die schönen Worte, sondern um die Taten und um das Handeln, das diesen Worten gerecht wird.

Kolping versteht sich als Teil der katholischen Kirche. Unsere Kolpingsfamilien gestalten das Kirchenleben vor Ort maßgeblich mit. Insofern kann Kolping die aktuelle Krise der Kirche nicht gleichgültig sein. Sie kann nur dann überwunden werden, wenn sich die Kirche den Menschen zuwendet, die humanwissenschaftlichen Erkenntnisse anerkennt und ihr Fehlverhalten in ein neues Verhalten ummünzt. Die Schuld, die die Kirche durch Menschen in ihr und durch Strukturen, die sich längst überholt haben, auf sich geladen hat, ist nicht wieder gut zu machen. Aber grundlegende Reformen können den Weg für eine vertrauensvolle Zukunft freimachen und den Willen für grundlegende Änderungen glaubhaft bezeugen.

Kolping weiß sich dem Evangelium Jesu Christi verpflichtet. Wir Kolpinggeschwister sind verwurzelt in Gott und mitten im Leben. Wir sind überzeugt, dass die Bedürfnisse der Menschen der Gegenwart und die humanwissenschaftlichen Erkenntnisse im Einklang mit dem Evangelium Jesu Christi stehen. Jesus war frei von jeglichem Machtstreben und frei von jeglicher Macht über Menschen. Jesus ermöglichte Menschen, sich in die Gesellschaft mit ihrer Lebensweise einzubringen.

Kolping grenzt Menschen nicht aus, sondern lädt sie ein. Jesus ermöglichte Frauen, sich entgegen gesellschaftlichen Agreements seiner Zeit zu entfalten. Frauen und Männer waren gleichberechtigt mit ihm unterwegs, um das Reich Gottes zu verkünden. Jesus ließ keinen Zweifel daran, dass es ihm um die Fülle des Lebens für alle Menschen unabhängig ihrer Disposition ging. Das Thema verschiedener sexueller Orientierung kannte er nicht. Den Menschen, nicht seine sexuelle Orientierung, stellte er in die Mitte. Diskriminierung war Jesus fremd.

Macht über Menschen und Machtmissbrauch gegenüber Schutzbefohlenen sind ein absolutes No Go für Kirchenmenschen, ebenso wie der Eingriff in die Intimität von Menschen. Das seelische Leid von Menschen ist nicht wieder gut zu machen. Die Kirche kann jedoch verlorene Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, wenn sie radikale Reformen durchführt, Missstände aufarbeitet, zuvorderst dem sexuellen und geistlichen Missbrauch in der Kirche. Diese Überlegungen haben uns dazu veranlasst, uns den kirchlichen Reformbewegungen anzuschließen.

Liebe Kolpinggeschwister, wir sind emotional sehr berührt von den Diskussionen der verschiedensten Gremien. Sie stärken unser Bewusstsein, dass wir in unserer Solidarität mit den Reformbewegungen auf dem richtigen Weg sind. Manchen unter euch mag manches zu radikal erscheinen oder zu umstürzlerisch. Das können wir nachvollziehen, denn selten war eine Zeit so bewegt und in Bewegung wie die unsere. Da mag man sich zuweilen Ruhe wünschen.
Wir freuen uns über jede Diskussion in unseren Kolpingsfamilien, die der Zukunft des Evangeliums und des Erbes Adolph Kolpings Raum geben.

Für die Mitglieder des Diözesanvorstands
Eberhard Vogt, Diözesanvorsitzender"