„Es soll die Menschen froh machen“

Vom 13. bis 16. Januar 2020 beschäftigten im Rahmen der Jugendseelsorgetagung des Bischöflichen Jugendamtes bis zu 140 Teilnehmer*innen in Rot an der Rot unter dem Motto „What is Love?“ mit dem Umgang der Jugendpastoral mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt

Podiumsdiskussion; Bildquelle: BJA

„Junge Menschen, egal welcher sexuellen Orientierung, brauchen die unverbrüchliche Zusage, dass sie angenommen sind, wie sie sind. Wir glauben, dass Gott alle Menschen gleich liebt, daher darf die Kirche nicht gegen ihre eigenen Grundsätze handeln und Menschen ausschließen und diskriminieren“, formuliert Nadine Maier, Diözesanjugendseelsorgerin BDKJ/BJA in Rottenburg-Stuttgart, die Position der katholischen Jugendverbände. Gerade in der Phase, in der junge Menschen zu ihrer Identität finden, dürfe Sexualität in all ihren Dimensionen nicht tabuisiert werden, ergänzt Miriam Lay, ehrenamtliche Diözesanleiterin der Katholischen jungen Gemeinde (KjG). Dass die Amtskirche mit ihrer bestehenden Sexualmoral diese Sichtweise nicht uneingeschränkt befürwortet, entfremdet sie nicht nur der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch zunehmend der eigenen Glaubensgemeinschaft. Hinzu kommt, dass Kirche angesichts der Missbrauchsfälle unglaubwürdig geworden ist und mit einem großen Vertrauensverlust zu kämpfen hat.

Bischof Dr. Gebhard Fürst, der für die abschließende Podiumsdiskussion zu Gast war, stellte sich dort den kritischen Anfragen der Tagungsteilnehmenden. Er beantwortete die Frage nach einem Weg, die Diskrepanz zwischen amtskirchlicher Wertehaltung und der Akzeptanz moderner Lebensweisen zu überbrücken, indem er dafür plädierte, zunächst einmal eine Atmosphäre der Offenheit zu schaffen, in der alle Positionen angehört werden. „Ich bin dafür Experten in den Synodalen Weg der Deutschen Bischofskonferenz miteinzubeziehen und sich wissenschaftlich fundiert mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, wage jedoch keine Prognose, welches Ergebnis dabei herauskommt.“

In der Zwischenzeit denken die hauptberuflichen Akteur*innen der Jugendpastoral aus Seelsorgeeinheiten, Dekanaten, Schulen, Verbänden und anderen Träger*innen von Jugendpastoral und Jugendarbeit sowie die ehrenamtlichen geistlichen Leitungen im Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und seinen Mitgliedsverbänden an Angeboten und einen wertschätzenden Umgang für junge Menschen jeden Geschlechts und sexueller Orientierung weiter. Auf der Jugendseelsorgetagung bekamen sie zahlreichen Input dazu: Moraltheologe Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff erläuterte in seinem Vortrag unter anderem die Dreidimensionalität der Sexualität, in der sie neben der Fortpflanzung auch eine Lust- und Beziehungsfunktion besitzt. „Es geht bei der Sexualethik um die Beziehung und ihre gelebte Qualität, egal in welchem Körper. Grundwerte wie Verantwortung füreinander, Verlässlichkeit, Treue und Solidarität in schwierigen Zeiten gelten somit für alle geschlechtlichen Beziehungen gleichermaßen.“

Sensibilisiert und inspiriert wurden die Tagungsteilnehmer*innen zudem durch den Vortrag von Ayke Böhmer und Alessio Piras von der Beratungsstelle Pro Familia Ludwigsburg zu Einflussfaktoren während der Pubertät und Adoleszenz auf die Entwicklung einer persönlichen Sexualität sowie durch acht Informationsräume zu Geschlecht und Sexualität. Verschiedene Workshops ermöglichten darüber hinaus, sich mit einzelnen Facetten näher zu beschäftigen. Da wurde über „Homosexualität und gelebter Glaube“, „Sexuelle Gewalt und Prävention“, „Sex im Netz“ oder „Rollenklischees in Sprache und Werbung“ gesprochen. Ganz persönliche Einblicke in die Lebensbiographie gaben homosexuelle und transgeschlechtliche Referent*innen, die von ihrem oftmals leidvollen Weg zur eigenen Geschlechtsidentität und ihrem ambivalenten Verhältnis zur Kirche erzählten.

Allen gemeinsam war es ein Anliegen und zugleich Ansporn, dass die katholische Kirche die Lebensrealität aller Menschen anerkennt und nicht verschweigt. „Es geht darum, dass wir sprachfähig werden im Umgang mit Sexualität, damit wir für junge Menschen Ansprechpartner*innen sein können, um sie in ihrer Lebenssouveränität zu unterstützen“, fasst Nadine Maier vom BJA zusammen. „Und wir müssen mit dieser Sprache und unserem Handeln Vorbilder für ein anderes Bild von Kirche sein.“ Moraltheologe Schockenhoff und Tagungsteilnehmer*innen appellierten an die Amtskirchenvertreter: Die Kirche muss ihre Sexualmoral neu an der Moderne ausrichten – damit alle froh werden.