Heimat finden. Von der Sehnsucht anzukommen

„Heimat“ ist in aller Munde, und zwar nicht erst, seit es Heimatministerien und seit 2018 auch ein Bundesministerium für Inneres, Bau und Heimat gibt.

Heimat – was ist das?

Einige wenige Stimmen reduzieren „Heimat“ vorgestrig auf von außen definierte Kriterien wie Nation, Religion, Hautfarbe, Geschlecht, Staatsbürger/-innenschaft. Dabei ist Heimat viel mehr und meint viel Existenzielleres. Heimat hat mit dem einzelnen Menschen, seiner Geschichte, seinem Empfinden, seinen Hoffnungen und seinen Vorstellungen vom Glück zu tun.

Die Jahrestagung der ako begibt sich auf die Spur dieses polarisierenden und nicht unbelasteten Konstrukts und fragt nach seiner Bedeutung in einer Weltgesellschaft, geprägt durch Globalisierung, Migration, Digitalisierung, Individualisierung, Mobilität, Flexibilität und Beschleunigung.

Dabei wird klar: „Heimat“ hat Konjunktur, weil Menschen sich nach Heimat sehnen und nach Beheimatung suchen: nach Identifikationsräumen, sozialen Nahräumen, Orten des Ankommens, der Zugehörigkeit und der Geborgenheit – auch spirituell.

Der Tag der Verbände 2019 spürt diesem grundlegend menschlichen Bedürfnis in Vorträgen, Diskussionen und geistlichen Impulsen nach. Und weil Christinnen und Christen die Sehnsucht spüren, bei Gott anzukommen - haben wir, haben die katholischen Verbände da nicht besonders die Aufgabe, den Menschen Heimat zu sein und aktiv Heimat zu schaffen? Die Tagung möchte hierzu Anregungen geben.

Eingeladen sind alle am Thema Interessierten!

Bericht vom Tag der Verbände 2019

„Heimat suchen als Chance“. 60 Verbandsmitglieder und Interessierte tagten am „Tag der Verbände 2019“ zum Thema Heimat

Die Arbeitsgemeinschaft katholischer Organisationen und Verbände der Diözese Rottenburg-Stuttgart (ako) befasste sich in ihrer Jahrestagung 2019 mit einem Thema, das derzeit viele beschäftigt: Heimat.

In Vorträgen, Bibelarbeiten und Erkundungsgängen in die Umgebung des Tagungshauses in Stuttgart-Hohenheim wurde deutlich, dass Heimat nichts Rückwärtsgewandtes ist, sondern etwas, was uns in der Gegenwart beschäftigt und in die Zukunft weist.

Peter Niedergesäss, Vorsitzender der ako, benannte Globalisierung, Migration, Digitalisierung, Individualisierung, Mobilität, Flexibilität und Beschleunigung als Kennzeichen der heutigen Gesellschaft. Diese Entwicklungen bestimmten unseren Alltag, unsere Arbeitswelt und unser Heimatempfinden, und erzeugten „Verunsicherung“, „Erschöpfung“ und Orientierungslosigkeit.

Der Freiburger Volkskundler und Germanist Prof. Dr. Werner Mezger betonte in seinem Vortrag, dass der Heimatgedanke in der „Gesellschaft 4.0“ nicht zurückgedrängt würde, sondern im Gegenteil „boome“, weil sie „Menschen ermögliche, sich ihrer selbst zu versichern“. Der große Konflikt bestehe heute angesichts der starken Veränderungen – besonders auch der Migration – darin, das „Verhältnis von Eigenem und Fremdem“ durch Bewusstmachen der eigenen Tradition und einladende Öffnung in „eine gute Balance zu bringen“.

Hier setzte auch die Wiener Pastoraltheologin Prof. Dr. Regina Polak an: Sie beschrieb die Migrationsbewegungen, die wir derzeit erleben, als Chance für die Gesellschaft und ganz besonders für die Kirche. In ihrem Vortrag erläuterte sie, dass die meisten biblischen Texte von „Menschen mit Migrationshintergrund“ verfasst wurden und sehr viele Akteure der Bibel bis hin zu Jesus selbst Migranten waren. Die Bibel könne in unserer globalisierten Welt Orientierung bieten, wenn Migration, so Polak, nicht nur als Bedrohung gesehen würde, sondern als „Lernort, um gemeinsam eine neue, inklusive Gesellschaft zu entwickeln“. Christen seien davon überzeugt, dass ihre „wesentliche Heimat“ Gott sei, nach dem sie sich sehnen und zu dem sie unterwegs sind. Das bedeute jedoch nicht, „an eine bestimmte Vorstellung von Gott zu glauben oder Weltflucht zu betreiben“, sondern dieses Unterwegssein „als migrantische Lebens- und Lernform“ positiv zu nutzen.
Ein offenes Heimatverständnis in der Kirche biete Andockmöglichkeiten für jene, denen Gott, Glaube und Religion fremd geworden sei, die davon noch nie gehört hätten, die die Kirche vertrieben habe und diejenigen, die in der Gesellschaft unsichtbar, „fremd“, seien – weil sie Gastfreundschaft erfahren und auch in ihrer Verschiedenartigkeit angenommen werden.

Weihbischof Thomas Maria Renz lobte in seinem Grußwort die Verbände als Institutionen, die Heimat anbieten und Heimat sind, oft auch für Menschen, die von der ‚normalen‘ Kirche nicht oder nicht mehr erreicht würden. So unterschiedlich die Verbände und Organisationen mit ihren individuellen Schwerpunkten und Organisationsformen seien, ihr gemeinsames Ziel sei es „Heimat zu finden in Gott.“

Impressionen vom Tag der Verbände 2019

alle Bilder: Bildquelle: ako